Geschichte

In diesem Ordner werden die Geschichte der Wiener „Barden“ und ihrer Traditionsbünde sowie das Werden und Wachsen des Sängerschafterheimes in Feld am See dargestellt. Soweit in geeigneten Formaten vorhanden sind Bilder in den Text eingestreut.

 

Der Akademische Gesangverein

Die Genehmigung der Vereinsstatuten am 23. September 1858 kann als erstes Zugeständnis des „Neoabsolutismus“ gegenüber der nach der Bürgerlichen Revolution von 1848 geknebelten akademischen Jugend gelten. Der „Akademische Gesangverein an der k. k. Universität in Wien“ (AGV) verzichtete aber bei seiner Gründungsversammlung im Oktober 1858 in der Alten Universität noch auf das Singen des revolutionären „Gaudeamus“. Nach einem Jahr sangen im Chor unter der Leitung des Juristen Rudolf Weinwurm (Ehrenchormeister seit 1880) aber bereits um die 200 Studenten und der AGV hatte zusätzlich 250 unterstützende Mitglieder. Die Schillerfeier am 10. November 1859 geriet zu einer machtvollen Demonstration der neuen Freiheit, das „Gaudeamus“ brauste nun über den Stephansplatz und wurde zum ersten Wahlspruch des AGV.

 

Der gewaltige Zulauf hielt an, der AGV entwickelte sich neben dem Männergesangverein zum bedeutendsten Chor Wiens und der Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick spendete dem AGV in seiner „Geschichte des Konzertwesens in Wien“ 1870 höchstes Lob. Wegen seiner Verurteilung der Musik Richard Wagners und Anton Bruckners, dessen „Germanenzug“ 1876 vom AGV uraufgeführt wurde, kam es später zu einer erbitterten Gegnerschaft mit ihm. 

Neben Wagner (1872) und Bruckner (1889) wurden u. a. Johannes Brahms (1869), der Komponist Max Bruch (1869), der Arzt Theodor Billroth (1872), der Dichter Viktor von Scheffel (1876) und der Burgschauspieler Georg Reimers (1892) zu Ehrenmitgliedern ernannt. Ebenso der Komponist Eduard Schön-Engelsberg (1869) und der Verfasser Ignaz Machanek (1902) des „Deutschen Freiheitsliedes“, während der Märzunruhen 1848 entstanden und 1891 zum Bundes- und Farbenlied des AGV erhoben.

 

Die letzte Jahreszahl weist auf dramatische Umwälzungen hin. Die im Gefolge des Nationalitätenkampfes im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn entstandene „deutschnationale“ Bewegung hatte den bis dato bildungsbürgerlich-liberalen AGV erreicht, dessen Mitglieder in ihm keinen politischen Verein, sondern eher einen Geselligkeits- und Reiseklub sahen. Gegen den erbitterten Widerstand der älteren Mitglieder, die um die künstlerische Zukunft besorgt waren, kam es ab 1891, bedingt auch durch einen Einbruch bei den aktiven Chorsängern (von 312 im Jahr 1883 auf 134 im Jahr 1890), zu einer Kursänderung und zur schrittweisen Überführung des Gesangvereines in eine Korporation. 1896 erfolgte die „korporative Schließung“, d. h. anderweitig Korporierte mussten den AGV verlassen, seit 1899 verfügte der AGV über eigene Waffen, 1904 wurden Vollfarben angenommen (vorher nur rot-weißes Band, jetzt auch weinrote Mütze) und 1906 ein eigener Altherrenverband gegründet. Die Chorqualität blieb bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs gewahrt und erreichte unter Chormeister Hans Wagner-Schönkirch (1901 – 1906) sogar einen neuen Höhepunkt.    

Der Technisch-Akademische Gesangverein

Obwohl der AGV damals bereits für Studenten aller Wiener Hochschulen offen war und auch schon der deutschnationalen Richtung zuneigte, wurde 1892 der „Technisch Akademische Gesangverein an der k. k. Technischen Hochschule in Wien“ (TAGV) gegründet, Band blau-weiß auf Silber. Er entwickelte sich mit Fechtbetrieb, Chargenwesen, Conventen, Fuxen, Burschen und Alten Herren rasch zur Korporation, ab 1910 mit blauer Mütze, vollzog die korporative Schließung aber erst 1911 oder 1912.

"Ghibellinen" und "Nibelungen"

In der Ersten Republik vollzogen beide Vereine den letzten Schritt zur akademischen Sängerschaft, 1919 der TAGV unter dem Namen „Nibelungen“ und 1920 der AGV unter dem Namen „Ghibellinen“. Die „Nibelungentreue“ war ein auf die deutsch-österreichische Waffenbrüderschaft im Ersten Weltkrieg angewandtes, vom deutschen Reichskanzler Bülow erfundenes Schlagwort, die „Ghibellinen“ waren eine im 13. Jahrhundert in Italien gegründete Adelspartei, welche die Einheit des „Heiligen Römischen Reichs“ unter Führung der deutschen (Staufer-)Könige verfocht. (Die Gegenpartei der „Guelfen“ – vom deutschen Adelsgeschlecht der Welfen abgeleitet – war föderalistisch und papsttreu.)

 

Die Ghibellinen wurden 1924 zur Universitäts-Sängerschaft ernannt, 1926 war ihr Chor 200 Mann stark, die Nibelungen wurden 1927 Hauskorporation der Wiener Hochschule für Welthandel. 1926 hatten die Ghibellinen den Vorsitz im Wiener Waffenring (WW, heute WKR) inne und 1931 in der Deutschen Sängerschaft (DS). 1928 fand das 10. Deutsche Sängerbundesfest in Wien statt, die Festkanzlei leitete der Nibelunge Karl Kontrus und im Festzug marschierten 400 Ghibellinen. Bei der Festrede beim Kommers (Bild unten) rief der Wiener SP-Bürgermeister Seitz den Teilnehmern zu: „Wir wollen ein Volk und ein Staat sein“.

1931 kam es zu 23 schweren Säbelmensuren zwischen Ghibellinen und Vertretern verschiedener Korporationen des WW, weil die Ghibellinen am Festakt zur Verleihung der Ehrendoktorwürde an den „schwarzen“ Bundeskanzler und Prälaten Dr. Ignaz Seipel als Universitäts-Sängerschaft gesungen hatten. Am 27. November 1932 konnte nach längerer Planung und mehrjähriger Bauzeit das Ghibellinenhaus in der Albertgasse in Wien-Josefstadt eröffnet werden.

 

Der Wiener Polizeipräsident und zweimalige Bundeskanzler Dr. Johannes Schober, dem es gelungen war, die beiden national-liberalen Parteien der Zwischenkriegszeit, die „Großdeutschen“ und den „Landbund“, kurzfristig zu vereinigen, war Ghibelline, ebenso der Arzt und Nobelpreisträger (1927) Dr. Julius Wagner von Jauregg. In der 1930er-Jahren trat das konzertante Singen zugunsten eines „Neuen Singens“ meist nur dreistimmiger Chöre in den Hintergrund. 1933 wurden die österr. Sängerschaften aus der DS entlassen, 1938 so wie alle anderen österr. Korporationen aufgelöst bzw. in Kameradschaften „Ulrich von Hutten“ und „Theodor Körner“ umgewandelt.

Die Wiener "Barden"

Zu Ende des Zweiten Weltkriegs betrauern 1000 Wiener Sängerschafter an die 100 Gefallene und 300 in der Heimat verstorbene Bundesbrüder. Die Nibelungenbude im 3. Bezirk ist von Bomben zerstört, aber das große Ghibellinenhaus in der Albertgasse im 8. Bezirk steht noch. Dort gründen der Ghibelline Dr. Edi Hoffmann und der Nibelunge Karl Kontrus 1949 den AGV neu, aus dem 1952 die akad. Sängerschaft „Barden zu Wien“ wird. Mit dem Namen sollte auch der Prager Barden gedacht werden, die aber ihre Tradition dann in München fortsetzen konnten.

 

Um beide Traditionsbünde zufrieden zu stellen wurde als Mützenfarbe das neutrale Weiß und ein rot-weißes Band (AGV/Ghibellinen) auf Silber mit blauem Durchzug (TAGV/Nibelungen) gewählt. Das Bild links zeigt einen der ersten Ur-Barden und mehrfachen Erstchargierten der 1950er-Jahre, den seit vielen Jahren in den USA lebenden Dr. Friedrich Brosch beim 150. Stiftungsfest (2008).

Wiewohl die Zusammenführung der zwei Traditions-Sängerschaften sinnvoll war und uns zur bei weitem mitgliederstärksten WKR-Korporation machte, blieb die alte Rivalität noch jahrzehntelang ein Problem. Die „Hiezinger Runde“, das waren die alten Ghibellinen, die „Landstrasser Runde“ die alten Nibelungen, viele Alte Herren kamen nur dorthin und nicht aufs Bardenhaus.

 

Bei den Aktiven gab es dieses Problem natürlich nicht. Nach einem schon ansehnlichen 95. Stiftungsfest im Jahr 1953 konnte 1958 ein glanzvolles 100. Stiftungsfest gefeiert werden. Obmann des Festausschusses war der AH-Obmann EB Dr. Franz Utner, Festredner AH Alfred Pelz und Erstchargierter EB Dr. Egon Bruckmann. Auch der langjährige Säckelwart EB Max Wurmböck verdient es, erwähnt zu werden. Beim Festakt im Großen Festsaal der Universität sprachen Unterrichtsminister Dr. Heinrich Drimmel und Rektor Dr. Erich Schenk vor zahlreich anwesenden Ehrengästen, darunter auch der Botschafter der BR Deutschland. Der Festkommers und das Festkonzert fanden im Sophiensaal statt, im gemischten Chor unter der Leitung von Prof. Hans Schemitsch sangen über 50 Männer und ca. 40 Frauen. Am Sonntag gab es dann noch einen Festball in Hübners Kursalon. Kurz nach dem 100. Stifungsfest wurde den Wiener "Barden", so wie seinerzeit den "Ghibellinen", der Titel "Universitäts-Sängerschaft" verliehen.

Im Jahr 1959 fand eine Sängerfahrt nach Südtirol mit rund 30 Teilnehmern statt. Die Zeit bis Mitte der 1960er-Jahre kann als Blütezeit der Wiener "Barden" angesehen werden, der Fuxenstall war stets gut besetzt. Es ist wohl kein Zufall, dass die Mehrheit der verlässlichen Veranstaltungsbesucher – und sogar Chorsänger – der Gegenwart (2011) jener Generation angehört, die damals aktiv war. Neben den traditionellen Gschnasfesten am Bardenhaus und den Liedertafeln samt Bieroper im Casino Zögernitz wurde ab 1960 der Bardenball ein zusätzliches gesellschaftliches Ereignis. Sängerfahrten in die nähere und weitere Umgebung - legendär die Sängerfahrt nach Waldkraiburg in Niederbayern - und Feld-am-See-Aktivitäten (siehe dort) ergänzten das Programm.

 

Eine zentrale Rolle spielte der 1961 zum AH-Obmann gewählte Dr. Fritz Butschek, der nicht nur das ganze Regelwerk – von der Satzung und der Geschäftsordnung bis zum Farben- und Kneipbrauch – neu fasste, sondern auch unermüdlich für eine sanfte Neuorientierung und für den „praktizierenden“ Barden trommelte. (Von den ca. 450 Alten Herren kamen höchstens 10 Prozent regelmäßig aufs Haus.) Auf Butscheks Initiative geht auch der erste Hausumbau zurück, dabei entstand der Kleine Saal. Im Frühjahr 1966 wird Fritz Butschek mit 55 Jahren völlig überraschend aus dem Leben gerissen und postum zum Ehrenburschen ernannt.

 

In die Zeit von Fritz Butscheks Obmannschaft fiel auch die Feier anlässlich des 600jährigen Bestehens der von Rudolf IV., dem Stifter, gegründeten zweitältesten Universität auf deutschem Kulturboden, der "Alma Mater Rudolphina", im Jahr 1965. Als Universitäts-Sängerschaft waren die Wiener "Barden" bei mehreren Festveranstaltungen in Aktion (Bild links).

 

Butscheks Nachfolger, der Architekt Ottokar Gardavsky, erster Ur-Barde als AH-Obmann, hat sich zwar sehr bemüht, konnte die Lücke aber nicht schließen. Auch das Jahr 1968 und die Folgen waren schuld, dass nur mehr wenige Füxe kamen und die Aktivitas zerstritten war. Prof. Schemitsch zog sich schon 1967 als Chorleiter zurück, danach gab es nur Provisorien, bis 1975 mit Dr. Max Kalb ein neuer AH-Obmann das Ruder übernahm und Karl Sticha als neuen Chorleiter brachte. Bis zum 120. Stiftungsfest hatten sich Chor und Aktivitas wieder konsolidiert.

 

 

 

 

Nach AH Kalb übernahm EB Dr. Egon Bruckmann das Amt des AH-Obmannes, auf ihn folgte EB Karl Eidenberger und schließlich EB Gerfried Lang bis 1999. In diesen 20 Jahren war es um Aktivitas und Chor einmal besser, einmal schlechter bestellt, der gemischte Chor wurde in den 1990er-Jahren (unter Chorleiter Attila Nagy) aufgegeben. Durchaus repräsentativ verliefen das 130. Stiftungsfest 1988 (Farbbild oben, Bardenchor auf der Universitätsrampe) und das 140. Stiftungsfest 1998, das (wie schon 1958) mit einem Sängerschaftertag der DS kombiniert wurde. (1997 hatten die Wiener Barden den DS-Vorsitz mit Bernhard Diller als DS-Sprecher inne.) 1998 waren auch noch Auftritte in der Universität möglich, so die Festakademie im Kleinen Festsaal. Der Festkommers fand im Parkhotel Schönbrunn, der Festball im Palais Auersperg statt.

 

Zwischen 2000 und 2004 wechselten die AH-Obmänner fast jährlich. In diese Zeit fällt unser Austritt aus der DS und die Gründung des „Vertretertages akademischer Korporationen“ (VTaK) als Erweiterung des Vertretertages der österr. Sängerschaften. Von 2005 bis 2009 war Andreas Bratusch zunächst AH-Obmann, dann Obmann der Sängerschaft, nachdem 2006 durch Satzungsänderung der AH-Verband in der Sängerschaft aufging. In seine Zeit fällt auch die Neugestaltung des Eingangsbereichs am Bardenhaus.

 

Unter Aufbietung aller Kräfte konnte 2008 ein ansprechendes 150. Stiftungsfest vorbereitet und durchgeführt werden, ein Auftreten an der Universität wurde nicht gestattet. Die Mitgliederzahl war inzwischen auf ca. 120 zurückgegangen – davon eine Handvoll Aktive, doch war die überwiegende Mehrheit der Bundesbrüder gekommen und alle Veranstaltungsräume waren brechend voll. Ein Chor der Grazer Gothen, der Brünner Markomannen zu Karlsruhe und ein Hollabrunner Chor unterstützten uns bei der Liedertafel im Haus des Wiener Volksbildungswerks (Wien XVI), der Festkommers fand im Palais Eschenbach statt, die Festrede hielt Dr. Gerhart Bruckmann.

 

Das Sängerschafterheim in Feld am See

Im Jahr 1933 mussten die vier österr. Sängerschaften (Ghibellinen, Gothia Graz, Nibelungen und Skalden Innsbruck) die DS verlassen. Da hatte der Gothen-AH Dipl.-Ing. Franz Ludwig Herzog die Idee, „im gefährdeten Grenzland durch die Aktiven ein Heim erbauen zu lassen, in dem gesungen, gearbeitet und gelernt werden kann“. Er fand ein Grundstück in Feld am Brennsee (Kärnten) mit 80 m Uferlänge, letztlich wurden von den vier Sängerschaften 6.400 qm (140 m Uferlänge) sehr preiswert gekauft. Darauf wurde unter Anleitung eines Zimmerers ein Holzhaus in Blockbauweise errichtet und am 21. Juli 1935 feierlich eröffnet.

 

Dass das Heim trotz der für die österr. Sängerschaften misslichen Umstände zuerst im austrofaschistischen Ständestaat und dann im Dritten Reich letztlich doch in Besitz gehalten werden konnte ist das Verdienst beherzter und unermüdlicher Bundesbrüder, die sich und ihren Bünden ihr Recht erstritten. So konnten bereits in den 1950er-Jahren wieder Sängerschaftertreffen in Feld am See stattfinden.

Eine Erweiterung gab es zwischen 1960 und 1964 durch einen Ziegelbau (mit Speisesaal) parallel zum Altbau und einen Zwischentrakt, siehe Farbfoto. Im Jahr 1977 wurden die WC- und Duschanlagen saniert, 1993/94 wurde das Haus winterfest gemacht und die zwei großen Schlafräume unterteilt. Die ursprünglichen Eigentumsverhältnisse (je 35 % Ghibellinen und Gothen, je 15 % Nibelungen und Skalden) haben sich durch die Verschmelzung in Wien und durch die neuen Sängerschaften in Salzburg und Linz auf 50 % Barden, 33 % Gothen, 15 % Skalden und je ein Prozent Hohensalzburger und Nibelungen verändert.

 

 

Nach dem Krieg waren die Gothen in Feld am See zunächst de facto „Alleinherrscher“, erst ab Anfang der 1960er-Jahre brachten sich, durch EB Dr. Fritz Butschek animiert, die Barden stärker ein und nahmen an österr. Sängerschafterwochen und Arbeitswochen in größerer Anzahl teil. Nach 1959 und 1962 (unter Gothen-Leitung) fand 1965 die erste von den Wiener "Barden" ausgerichtete DS-Sängerschafterwoche mit ca. 60 Teilnehmern statt (Lagerleiter EB Dieter Grillmayer). Weitere DS-Wochen unter Barden-Leitung waren 1971, 1977, 1983 und 1993. Die DS führt auch nach dem Austritt der österr. Sängerschaften alle drei Jahre eine Sängerschafterwoche in Feld am See durch. Seit den 1960er-Jahren wird das Heim in den Sommermonaten auch regelmäßig als Ferienheim für Sängerschafterfamilien genutzt.

 

Im Rahmen der DS-Woche 2010 wurde das Sängerschafterheim in Feld am See mit dem Namen „Franz-Ludwig-Herzog-Heim“ versehen.